Studiensekretariat und Spezialambulanz für neuroendokrine
Tumore
Die Klinik für
Gastroenterologie und Endokrinologie befasst sich seit vielen Jahren mit
klinischen und wissenschaftlichen Fragestellungen zur Diagnostik und Therapie
von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt
hierbei auf den Tumoren des gastroenteropankreatischen Systems (GEP-Tumoren).
Die Aufgaben des Studiensekretariates bestehen in der Planung und Durchführung
klinischer Therapiestudien, der Sammlung und Auswertung von klinischen und
prognostischen Daten und in der Beratung von kontaktsuchenden Ärzten und
Patienten. In der Marburger Klinik sind bis heute mehrere hundert Patienten mit
dieser seltenen Tumorerkrankung behandelt worden. Gleichwohl ist es notwendig,
Erfahrungen und Erkenntnisse sowohl auf nationaler als auch internationaler
Ebene auszutauschen sowie Forschungsprojekte in größerem Verbund durchzuführen.
Daher arbeitet das Studiensekretariat einerseits im deutschen neuroendokrinen
Tumornetzwerk (- DNET) einschließlich dem deutschen NET-Register andererseits
auch im europäischen Verbund (ENETS : European Neuroendocrine Tumour Society)
aktiv mit.
Auf den folgenden Seiten soll
ein Überblick gegeben werden über Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie
neuroendokriner Tumoren. Kurz erwähnt seien die derzeit aktiven Studienprotokolle (Hier Link zur Uni-Website
einfügen)
Natürlich können auf diesen Seiten
nicht alle Fragen beantwortet werden, sie ersetzen auch kein ärztliches
Beratungsgespräch. Sollten Sie weitergehende Informationen wünschen oder
Anregungen haben, so freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme
per Telefon, Fax oder E-Mail.
Neuroendokrine Tumoren - Definition und
Klinische Einteilung
Neuroendokrine
Tumoren stellen mit einer Neuerkrankungsrate von ca. 2 / 100.00 Einwohner /
Jahr eine heterogene Gruppe seltener Neoplasien dar. Sie entstehen aus Zellen,
denen die Expression sogenannter Markerproteine (Chromogranine, Synaptophysin,
Neuron-spezifische Enolase u.a.) gemeinsam ist. Da diese Zellen diffus im
Körper verteilt sind, können neuroendokrine Tumoren an vielen Stellen innerhalb
aber auch außerhalb des Gastrointestinaltraktes entstehen. Diese Tumoren können
durch eine unkontrollierte Hormonfreisetzung auffallen, die je nach Art des vom
Tumor gebildeten Hormons für gut definierte Krankheitsbilder verantwortlich
ist. Zu nennen sind hierbei insbesondere das Karzinoid-Syndrom, das Insulinom,
das Gastrinom (Zollinger-Ellison-Syndrom) aber auch sehr seltene klinische
Syndrome wie das Verner-Morrison-Syndrom oder das Glukagonom-Syndrom. Über die
Hälfte der neuroendokrinen Tumoren weisen jedoch keine hormonassoziierte
Symptomatik auf und werden daher als funktionell nicht-aktive Tumoren
bezeichnet. Die Tumoren können gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) sein.
Im Gegensatz zu benignen neuroendokrinen Tumoren werden maligne Tumoren oft
erst dann diagnostiziert, wenn sie Tochtergeschwülste (Metastasen) gebildet
haben. Bei den malignen Tumoren kann der Verlauf der Erkrankung variieren von
rasch innerhalb weniger Monate progredienten Formen bis hin zu Verläufen über
Jahrzehnte. Im Rahmen der Multiplen Endokrinen Neoplasie (MEN) Typ I können
neuroendokrine Tumoren des Pankreas auch zusammen mit Adenomen der
Nebenschilddrüsen und des Hypophysenvorderlappens auftreten.
Funktionell
nicht-aktive Tumoren
Sie stellen über die Hälfte der neuroendokrinen Tumoren und machen sich
klinisch nur durch ihr verdrängendes Tumorwachstum, nicht aber durch
Hormonfreisetzung bemerkbar. Funktionell nicht-aktive Tumoren können von
unterschiedlichen Organen ausgehen. Häufig liegt ihr Ursprung im Pankreas, aber
auch Dünn- oder Dickdarmtumoren und andere können klinisch stumm sein.
Funktionell -aktive Tumoren
Karzinoid-Syndrom
Das Karzinoid-Syndrom ist das häufigste klinische Syndrom bei funktionell
aktiven neuroendokrinen Tumoren des Gastrointestinaltraktes. Zugrunde liegt
diesem Syndrom ein hepatisch metastasierter Tumor, meist vom Jejunum oder
Ileum, seltener von der Appendix, dem Bronchialsystem, Ovar, Magen oder anderen
Lokalisationen ausgehend.
Es wurden eine Vielzahl von Hormonen bzw. Mediatoren beim Karzinoid-Syndrom
identifiziert, deren Bedeutung für die Leitsymptome der Erkrankung nur
teilweise geklärt ist: Serotonin, Histamin, vasoaktive Kinine, Prostaglandine,
Chromogranin A, u.a.m.. Dabei sind das Serotonin und sein Abbauprodukt
5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES bestimmt im Sammelurin) sowie das Chromogranin
A diagnostisch wegweisend.
Die Leitsymptome des Karzinoidsyndroms sind:
·
Diarrhoe
·
Flush
·
Abdominelle Krämpfe
·
Zeichen der
Rechtsherzinsuffizienz
·
Bronchokonstriktion
·
Pellagra-ähnliche
Hautveränderungen
Flushs sind plötzlich
auftretende diffuse Rötungen des Gesichtes ( zuweilen auch des Halses und
Oberkörpers ), für die vasoaktive Kinine verantwortlich gemacht werden.
Serotonin und Prostaglandine sind für die z.T. erheblichen Diarrhoen
verantwortlich. Bei ca. der Hälfte der Patienten zeigt sich eine
Herzbeteiligung im Sinne einer Endokardfibrose der Pulmonal-und
Trikuspidalklappen mit konsekutiver Rechtsherzinsuffizienz. Es wird vermutet,
dass die Endokardfibrose eine Folge der erhöhten Serotoninspiegel ist, der
genaue Pathomechanismus ist jedoch ungeklärt. Die Karzinoidherzerkrankung ist
prognostisch bedeutungsvoll.
Insulinom
Das im Pankreas lokalisierte Insulinom ist in ca. 90% der Fälle gutartig. Durch
seine hormonassoziierte Symptomatik fällt es oft frühzeitig auf. Multiple
Tumoren sind keine Seltenheit. Klinisch hinweisend ist die als Whipple-Trias
bekannte Konstellation aus
·
Hypoglykämischen
Symptomen (Schwächegefühl, Heißhunger, Schwitzen, Unruhe, Tremor, Krämpfe, Koma)
·
gleichzeitigem Nachweis
einer Hypoglykämie (durch Nahrungskarenz ausgelöste Hypoglykämie ≤ 45
mg/dl )
·
Besserung der Symptome
durch Glukoseaufnahme.
Gastrinom
(Zollinger-Ellison-Syndrom)
Gastrinome sind im Pankreas oder Duodenum gelegene in etwa der Hälfte der Fälle
maligne Tumoren. Die aus der unkontrollierten Gastrinfreisetzung resultierende
Symptomatik umfasst:
·
Oberbauchbeschwerden
·
peptische Ulcera (häufig
rezidivierend oder auch in atypischer Lokalisation wie z.B. Jejunum)
·
wässrige Diarrhoe
·
Refluxkrankheit
Das Gastrinom kommt in etwa
25% der Fälle im Rahmen einer multiplen endokrinen Neoplasie (MEN) Typ I vor.
VIPom
(Verner-Morrison-Syndrom)
Sehr seltener, meist maligner und metasierender Tumor. Primärtumorsitz in der
Regel im Pankreas. Leitsymptom: massive wässrige Diarrhoen.
Glukagonom
Sehr seltener, meist maligner Pankreastumor. Leitsymptom: Diabetes mellitus,
Hautveränderungen (nekrolytisches migratorisches Erythem) und Gewichtsverlust.
Neuroendokrine Tumoren - Diagnostik
Diagnostik
Wegweisend für die Diagnose können einerseits die spezifischen
hormonassoziierten Symptome sein, andererseits unspezifische Beschwerden im
Sinne von Leistungsknick, Gewichtsverlust, abdominelle Schmerzen u.a. Nicht
selten sind die Tumore asymptomatisch und werden als Zufallsbefund z.B. einer
Sonographie gefunden. Es kommen grundsätzlich die gleichen diagnostischen
Hilfsmittel zum Einsatz wie bei anderen Tumorerkrankungen. Darüber hinaus
stehen jedoch auch einige spezifische Methoden zur Verfügung, die im folgenden
erläutert werden.
Basis
der Diagnose ist die histologische Sicherung der Diagnose aus Tumorgewebe
mittels konventioneller und immunhistologischer Untersuchung. Als Kennzeichen des neuroendokrinen Charakters der Tumore
dient der immunhistologische Nachweis von Synaptophysin, Neuronen-Spezifischer
Enolase (NSE) oder Chromogranin A. Der Proliferationsmarker Ki67 hat
sich in den letzten Jahren als Prognosemarker etabliert.
Bei
Erstdiagnose eines neuroendokrinen Tumors (des Pankreas, Duodenum oder Magens)
sollte mittels Familienanamese, Kalzium- und Gastrinbestimmung sowie ggf. Messung
des Parathormones und der Hypophysenvorderlappenhormone nach einer Multiplen
Endokrinen Neoplasie gefahndet werden. Es kann die
Gentestung zur Sicherung des V.a. MEN-1 erfolgen.
Labordiagnostik
Neben allgemeinen Laborparametern stehen für die Diagnostik und
Verlaufsbeurteilung neuroendokriner Tumoren sowohl spezielle funktionelle Tests
als auch spezifische Tumormarker zur Verfügung.
Hungerversuch beim Insulinom
Zur Diagnosesicherung eines
Insulinoms kommt der Hungerversuch zum Einsatz, bei dem die im Blut gemessenen
Insulin- und C-Peptid-Werte nicht adäquat zur hypoglykämischen Situation
abfallen.
Sekretintest beim Gastrinom
Beim Gastrinom kann durch
Sekretin eine pathologisch hohe Gastrinfreisetzung ausgelöst werden. Die
Gastrinspiegel werden hierbei im Serum vor und nach Stimulation durch eine
definierte intravenöse Sekretingabe bestimmt.
"Markerhormone"
Je nach klinischem
hormonassoziiertem Syndrom können die jeweiligen Hormone zur
Verlaufsbeurteilung herangezogen werden. Beim Karzinoid-Syndrom scheint die
Bestimmung des Serotonin-Abbauproduktes 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIES) im
24-Stunden-Sammelurin der direkten Serotonin-Bestimmung im Blut überlegen zu
sein. Bestimmungen der Gastrin-Spiegel sind beim Zollinger-Ellison-Syndrom
nützlich, beim Verner-Morrison-Syndrom kann Vasoaktives intestinales Polypeptid
(VIP), beim Glukagonom Glukagon im Blut bestimmt werden. Beim Chromogranin A
handelt es sich um ein sekretionsassoziiertes Protein, das in neuroendokrinen
Zellen vorkommt und in geringen Mengen im Blut nachweisbar ist. Chromgranin A
im Plasma ist der sensitivste Tumormarker bei neuroendokrinen Tumoren.. Es gibt
Hinweise, daß die Höhe der Spiegel mit Tumormasse und Prognose der Erkrankung
korreliert. Chromogranin A ist sowohl bei funktionellen als auch funktionell
nicht-aktiven Tumoren als Tumormarker geeignet.
Bei Chromgranin A-Negativität
kann die Neuronen-Spezifische Enolase (NSE) insbesondere bei gering
differenzierten Tumoren als Tumormarker geeignet sein.
Bildgebende
Verfahren
Zur Lokalisationsdiagnostik neuroendokriner Tumoren stehen zum einen die
Endoskopie mit Bronchoskopie, Gastroskopie und Koloskopie zur Verfügung (Link
zur eigenen Endoskopie-Seite). Der Stellenwert neuerer endoskopischer Verfahren
wie z.B. der Kapsel-Endoskopie ist derzeit noch nicht sicher abzuschätzen. Die
Endosonographie hat ihren festen Platz in der Lokalisationsdiagnostik
pankreatischer oder auch duodenaler Tumoren.
Zum zweiten kommen die Schnittbildverfahren sowohl in der Lokalisations- als
auch Verlaufsdiagnostik zum Einsatz. Hierbei gilt der Ultraschall
aufgrund der weitverbreiteten Verfügbarkeit und geringen Invasivität als
Basisdiagnostikum. Ergänzend kommen die Computertomographie
(CT) oder die Kernspintomographie
(MRT) zum Einsatz. Die Sensitivität des MRT in der Detektion von
Lebermetastasen kann in speziellen Situationen (z.B. vor geplanter
Metastasenchirurgie) durch den Einsatz
spezieller eisenhaltiger Kontrastmittel erhöht werden.
Eine spezifische Methode in der bildgebenden Diagnostik neuroendokriner Tumoren
stellt die Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie
dar. Sie nutzt das Vorhandensein von Somatostatinrezeptoren auf der Oberfläche
neuroendokriner Tumorzellen aus. Durch die intravenöse Gabe eines radioaktiv
markierten (i.d. R. 111Indium) Somatostatin-Analogons kommt es zu einer
Anreicherung der Substanz im Tumorgewebe. Durch Ganzkörperaufnahmen kann so die
Ausbreitung der Erkrankung beurteilt werden. Es können Tumorformationen ab
einer Größe von ca. 0,5cm sichtbar gemacht werden. Limitation der Methode ist
einerseits die relativ unsichere Organzuordnung der anreichernden Herde,
andererseits der Umstand, dass -je nach Tumorentität- 10-50% der Tumoren keine
Somatostatinrezeptoren exprimieren. Eine Szintigraphie sollte dennoch bei
Erstdiagnose einer neuroendokrinen Tumorerkrankung in jedem Fall durchgeführt
werden, da auch ein negatives Szintigramm wertvolle Informationen zum weiteren
therapeutischen Vorgehen bei der Behandlung eines Patienten liefert. Bei
Somatostatin-Rezeptornegativität kann die Durchführung einer
Gastrinrezeptoszintigraphie in Erwägung gezogen werden.
Bezüglich der bildgebenden Diagnostik einschließlich der technischen
Empfehlungen sei auf das europäische Konsensuspaper „Standardisation of imaging
in neuroendocrine tumours: results of a European delphi process“ (J. Ricke,
K-J. Klose et al. European Journal of Radiology 2001; 37: 8-17) sowie auch auf die
ENETS-Leitlinie (European Neuroendocrine Tumour Society) “Guidelines for
the Diagnosis and Treatment of Neuroendocrine Gastrointestinal
Tumours“(Neuroendocrinology 2004; 80:394-424) verwiesen.
Neuroendokrine Tumoren - Therapieoptionen
Die zur Verfügung stehenden Therapieoptionen für Patienten mit neuroendokriner
Tumorerkrankung sind vielfältig. Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung und
ihrer großen Bandbreite ist die Studienlage hinsichtlich prospektiver
randomisierter Daten allerdings äußerst spärlich. Es ist daher in der Regel sinnvoll,
das Therapiekonzept interdisziplinär und in Zusammenarbeit mit einem Zentrum zu
entwickeln, in dem eine große Erfahrung in der Behandlung neuroendokriner
Tumorerkrankungen besteht.
Neben der Chirurgie als einzig potentiell kurativer Option stehen mehrere
palliative Ansätze zur Verfügung. Bei der Auswahl der Therapieverfahren ist die
große klinische Bandbreite der Erkrankung zu berücksichtigen. Patienten, die
innerhalb weniger Monate unter dem Bild der Tumorkachexie einen ähnlichen
Verlauf nehmen wie Patienten mit einem kleinzelligen Bronchialkarzinom, stehen
anderen Patienten wie solche mit einem kleinen Insulinom gegenüber, die in über
90% einen benignen Verlauf nehmen. Aber auch Patienten mit einem diffus
metastasierten neuroendokrinen Tumor können mehr als 10 Jahr überleben. Einige
Therapieprinzipien sollen hier vorgestellt werden.
Chirurgische Therapie
Im
Falle der lokalisierten Erkrankung stellt die operative Therapie die wichtigste
und einzige potentiell kurative Therapieoption dar. Das Ausmaß der Operation
wird maßgebend durch Tumorlokalisation, -größe und -entität bestimmt. Die Rolle
der Chirurgie im metastasierten Stadium wird kontrovers diskutiert. Im Falle
von (Dünn-) Darmtumoren erscheint die Resektion des Primärtumors auch bei
Vorliegen einer Metastasierung zur Verhinderung eines Ileus sinnvoll und hat
möglicherweise auch einen günstigen Einfluss auf die Prognose. Auch im Sinne
eines "Tumordebulking" insbesondere bei funktionell aktiven Tumoren,
z. B. die Entfernung größerer Metastasen in Leber und Bauchraum, spielt die
operative Therapie eine Rolle. Die Lebertransplantation kann bei jüngeren
Patienten mit ausschließlich hepatischer Metastasierung und Versagen anderer
antiproliferativer Therapiestrategien (s.u.) in Einzelfällen in Erwägung
gezogen werden.
Symptomatische Therapie
In
der symptomatischen Therapie von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren stellen
die teilweise sehr beeinträchtigenden hormonassoziierten klinischen Syndrome
eine therapeutische Herausforderung dar. Dabei haben die langwirksamen
Somatostatinanaloga (Octreotid, Lanreotide) einen herausragenden Stellenwert.
Hauptwirkungsweise ist hierbei eine über Somatostatinrezeptoren auf der
Tumorzelle vermittelte Hemmung der unkontrollierten Hormonfreisetzung
(vorzugsweise über Somatostatinrezeptor-Subtyp 2). Die symptomatische Therapie
kann einerseits eine überbrückende Therapie sein bis zur kurativen
chirurgischen Resektion, andererseits und sicherlich weitaus häufiger eine
langfristige Therapie in der palliativen Situation darstellen. Auch
antiproliferative Therapiestrategien tragen natürlich durch Verkleinerung oder
zumindest Hemmung des Wachstums der hormonbildenden Tumormasse zur
Symptomkontrolle bei. Auf die Therapie tumorbedingter Schmerzen kann an dieser
Stelle nur auf die einschlägige Literatur verwiesen werden (siehe z.B. die
amerikanische Leitlinie von Benedetti C et. al.: Oncology (Huntington) 2000;
14:135-150).
Symptomatische Therapie des Karzinoid-Syndroms:
Verschiedene
Studien haben belegt, dass sich die meisten Symptome mit langwirksamen Somatostatinanaloga
gut beherrschen lassen. Neben der dreimal täglichen subcutanen Gabe (z.B.
Octreotid 3x50 *g/d s.c. bis 3x 200 *g/d s.c.) sind seit einigen Jahren
Depot-Präparationen verfügbar (Octreotid-LAR 10-30mg i.m./Monat; Lanreotide SR
30mg s.c./14 Tage; Lanreotide-Autogel 60-120mg s.c./Monat). Die langwirksamen
Depot-Formulierungen scheinen dabei eine vergleichbare Effektivität und
Sicherheit wie die konventionellen Zubereitungen aufzuweisen.
Derzeit
in klinischer Erprobung finden sich neue Somatostatin-Analoga, die eine höhere
Affinität zu mehreren Somatostatin-Rezeptorsubtypen aufweisen, z.B. SOM230.
Bei
der Behandlung der Diarrhoe kann bei ungenügender Wirksamkeit der
Somatostatinanaloga der Einsatz von Serotoninantagonisten (z.B. Ondansetron,
Tropisetron u.a.) sowie Loperamid oder Tinctura opii hilfreich sein. Bei Z.n.
Resektion des terminalen Ileums muss bei Diarrhoe auch an die Möglichkeit des
Vorliegens einer chologenen Diarrhoe im Rahmen eines Gallensäureverlustsyndromes
gedacht werden, die spezifisch therapiert werden muss. Hier kann dann z.B.
Cholestyramin erfolgreich eingesetzt werden.
Die
symptomatische Therapie der Karzinoidherzerkrankung entspricht der üblichen
Herzinsuffizienztherapie mit Einsatz von ACE-Hemmern, Diuretika und Digitalis.
Eine Valvuloplastie oder in Einzelfällen ein Herzklappenersatz ist von der
Schwere der Herzerkrankung abhängig zu machen.
Symptomatische Therapie des Insulinoms:
Die
symptomatische Therapie betrifft die prae- und perioperative Phase bzw. die
Patienten mit dem seltenen metastasierten Insulinom. Neben der regelmäßigen
Kohlenhydratzufuhr - unter Bevorzugung schwer resorbierbarer Kohlenhydrate -
insbesondere vor körperlicher Belastung und vor dem Schlafen zur Vermeidung
nächtlicher Hypoglykämien sollte der Patient stets mit Traubenzucker und einem
Glukagon-Notfallset ( 1mg Glukagon i.m. ) ausgerüstet sein. Als medikamentöse
Therapie kann Diazoxid 2x25 mg/die bis maximal 3x200 mg/die oral eingesetzt
werden. Dabei sind als Nebenwirkungen besonders die Wasser- und
Natriumchloridretention, die zur Ödembildung führen kann, und eine
Reflextachykardie zu berücksichtigen. Bei Vorhandensein von
Somatostatinrezeptoren ist die Gabe von Octreotid in einer Dosierung zwischen
2x25µg/die und 3x200 µg/die indiziert. Allerdings hemmt Octreotid auch die
Freisetzung des gegenregulatorischen Hormons Glukagon, so dass sogar eine
Verstärkung der Hypoglykämien auftreten kann. Aus diesem Grund sollte die
Wirksamkeit unter klinischen Bedingungen mittels engmaschiger
Blutzuckerkontrollen überprüft werden.
Symptomatische Therapie des
Zollinger-Ellison-Syndroms:
Zwar
supprimieren die Somatostatinanaloga auch die Gastrinausschüttung bei
Zollinger-Ellison-Syndrom, doch zur Kontrolle der Magensäureüberproduktion und
ihrer Folgen spielen die Protonenpumpeninhibitoren die zentrale Rolle.
Omeprazol, Pantoprazol, Lansoprazol,, Rabeprazol oder Esomeprazol werden in
doppelter bis sechsfacher Tagesdosis oral verabreicht. Um eine optimale
Dosierung zu gewährleisten, sollten Säuresekretionsanalysen unter Therapie
durchgeführt werden ( Ziel: Basale Säuresekretion kleiner 5mmol/h).
Symptomatische Therapie des Verner-Morrison-Syndroms:
Zur
Behandlung der z.T. exzessiven Diarrhoen beim VIPom sind Somatostatinanaloga in
wirkungsadaptierter Dosierung sehr effektiv.
Antiproliferative Therapie
Die
an dieser Stelle vorgestellten Therapieoptionen sind allesamt als palliativ
einzustufen. Einzig kurative Therapie einer neuroendokrinen Tumorerkrankung ist
die komplette chirurgische Tumorentfernung (s.o.). Zwar werden in der Literatur
auch Fälle von kompletter Remission unter konservativer bzw. interventioneller
Therapie berichtet, diese sind allerdings als anekdotisch anzusehen. Die
antiproliferative Therapie metastasierter neuroendokriner Tumore hat zum Ziel,
das weitere Wachstum zu hemmen, im günstigsten Fall für einen gewissen Zeitraum
auch eine Verkleinerung der Tumormasse herbeizuführen. Bei der Entwicklung der
therapeutischen Strategie ist einerseits der individuell sehr unterschiedliche
Verlauf der Erkrankung zu berücksichtigen. Andererseits spielen auch Faktoren
wie das die Primärtumorlokalisation, die Metastasenlokalisation und biologische
Tumoreigenschaften eine Rolle bei der Wahl des Therapieregimes. Neben
systemischen Therapieansätzen mit Hormonen, Immunmodulatoren oder Zytostatika
können in bestimmten Fällen eine operative Tumorverkleinerung (Debulking) oder
auch eine lokoregionale Behandlung von Metastasen durch (Chemo-) Embolisation oder
Ablation mittels Alkohol oder Radiofrequenzstrom sinnvoll sein.
Somatostatin-Analoga
Bei
in-vitro Untersuchungen konnte eine antiproliferative Wirksamkeit von
Somatostatin-Analoga (z.B. Octreotid, Lanreotid) nachgewiesen werden. Auch
klinische Studien scheinen zu belegen, dass diese Substanzen das Wachstum
metastasierter neuroendokriner Tumore hemmen können. Allerdings ist dieser
Effekt nur -je nach Studie- bei etwa 40 % der Patienten zu erwarten, die Dauer
der antiproliferativen Wirkung ist nicht vorhersehbar. Diese teils
retrospektiven teils prospektiven Daten wurden allerdings nie randomisiert
gegen Placebo überprüft. Daher wurde in Marburg die PROMID-Studie konzipiert,
die derzeit die Wirksamkeit von Octreotid in seiner Depotpräparation prospektiv
randomisiert und doppelblind gegen Placebo bei Patienten mit neuroendokrinen
Tumoren des Dünndarms untersucht.
In
der Regel sind Somatostatinanaloga sehr gut verträglich, bei längerer Anwendung
muss allerdings mit dem Auftreten von Gallensteinen gerechnet werden, da
Somatostatin die Gallenblasenentleerung hemmt. Gelegentlich kommt es zu Diarrhö
und Steatorrhö oder zu Veränderungen des Glukosespiegels.
Alpha-Interferon
Interferon
weist antiproliferative Eigenschaften auf, die auf komplexen und z.T. noch
unverstandenen Mechanismen beruhen. In verschiedenen Studien konnte eine
Wachstumshemmung neuroendokriner Tumoren bei bis zu 50% der Patienten
beobachtet werden. Bei erfolgloser Monotherapie mit Octreotid zeigte in einer
eigenen Studie die zusätzliche Gabe von 3 x 5 Mio. E Interferon alfa/Woche in
etwa 50 % der mit einer solchen Doppeltherapie behandelten Patienten einen
zusätzlichen antiproliferativen Effekt. Zwei kürzlich veröffentlichte prospektive randomisierte Studien zeigten
jedoch keine Überlegeheit einer initialen Kombinationstherapie gegenüber der
Monotherapie mit Somatostatinanaloga . Die neueren pegylierten Interferonen weisen
möglicherweise eine bessere Verträglicheit gegenüber herkömlichen Interferonen
auf, größere Studien zur antiproliferativen Wirksamkeit bei neuroendokrinen
Tumorenliegen noch nicht vor.
Aufgrund
des deutlich größeren Nebenwirkungspotentials der Interferone (grippeähnliche
Symptome, Gewichtsverlust, Müdigkeit, Anämie, Leukopenie, Thrombozytopenie,
Hepatotoxizität, z. T. schwerwiegende Depressionen) ist in der Initialtherapie
den Somatostatin-Analoga in der Regel der Vorzug zu geben.
Chemotherapie
Eine
primäre Chemotherapie ist bei vielen neuroendokrinen Tumoren und insbesondere
bei gut-differenzierten Dünndarmkarzinoiden in der Regel nicht sehr
erfolgversprechend. Allerdings kann bei Patienten mit neuroendokrinen
Pankreastumoren durch Einsatz von Streptozotocin in Kombination mit
5-Fluoruracil oder in Kombination mit Doxorubicin in gut der Hälfte der Fälle
ein Ansprechen erzielt werden. Die wirksamste Kombinationschemotherapie scheint
aus Streptozotocin und Doxorubicin zu bestehen, allerdings bei erhöhter
Therapietoxizität (zusätzlich Kardiotoxizität, Alopezie) gegenüber der
Kombination aus Streptozotozin und 5-Fluoruracil. Dabei kann die Chemotherapie
bei endokrinen Pankreastumoren nach Versagen einer Somatostatin-Analogatherapie
(ggf. in Kombination mit Interferon) oder primär bei therapienaiven
progredienten Patienten eingesetzt werden. Derzeit wird in einer ENET-Studie
(s.u.) die Wirksamkeit von Octreotid-LAR mit der Kombination Streptozotocin und
5-Fluoruracil bei Patienten mit progredienten neuroendokrinen Bronchus- und
Pankreastumoren randomisiert verglichen. Als alternatives Chemotherapieschema
kann bei Versagen anderer Therapieoptionen auch eine Monotherapie mit
Dacarbacin in Erwägung gezogen werden. Unter dieser im allgemeinen gut
verträgliche Chemotherapie (häufigste Nebenwirkung Übelkeit/Erbrechen, seltener
relevante Blutbildveränderungen) können Tumorstabilisierungen oder partielle
Remissionen beobachtet werden. Erste positive Ergebnisse liegen auch für das verwandte
orale Chemotherapeutikum Temozolomid vor.
Die
seltene Untergruppe der kleinzelligen, undifferenzierten (anaplastischen)
neuroendokrinen Karzinome können mit einer Kombinationstherapie aus Etoposid
(Vepesid®) und Cisplatin analog einem kleinzelligen Bronchialkarzinom behandelt
werden. Hierunter sind Ansprechraten von bis zu 70% beschrieben, die aber meist
von relativ kurzer Dauer (6-9 Monate) sind. Die Nebenwirkungen der Therapie
(Übelkeit, Erbrechen, sensorische Neuropathie, Alopezie, Leukopenie,
Thrombozytopenie) können zur Dosisreduktion zwingen.
Lokale Verfahren
Ist
die überwiegende neuroendokrine Tumorlast in der Leber lokalisiert, so können
bei medikamentös unzureichend beherrschbaren Symptomen oder auch bei Progress
der Lebermetastasen lokal ablative Verfahren zum Einsatz kommen. Hierzu stehen
verschiedene Verfahren der lokoregionalen Metastasenbehandlung zur Verfügung.
Bei der transarteriellen Embolisation
mit oder ohne Chemoperfusion (TACE) werden die tumorversorgenden Äste der
Arteria hepatica selektiv katheterisiert und durch Injektion von Mikropartikeln
(z.B. Gelfoam) okkludiert. Dieses Verfahren kann mit einer lokoregionalen Zytostatikagabe
kombiniert werden, indem vor Okklusion der Gefäße eine Emulsion von z.B.
Lipiodol und Doxorubicin appliziert wird. Ob diese Chemoembolisation gegenüber
einer alleinigen Embolisation eine höhere Wirksamkeit aufweist, ist umstritten.
Die Embolisation der meist gut vaskularisierten Lebermetastasen kann zu einer
mitunter langanhaltenden Größenreduktion und auch Symptomverbesserung führen. Als
Nebenwirkung wird in unterschiedlicher Ausprägung ein sogenanntes
Postembolisations-Syndrom beobachtet mit Leberkapselschmerz, Übelkeit, Fieber
und passagerer Leberfunktionsverschlechterung. Für andere Verfahren wie die
perkutane Ethanolinjektion (PEI), die ultraschallgestützte Thermoablation, die
Radiofrequenzablation, die Kryotherapie oder die Laser-induzierte
Thermotherapie (LITT) existieren bisher nur begrenzte Erfahrungen.
Ein
neues lokal ablatives Verfahren stellt die sogenannte SIRT (selektive internale
Radiotherapie) dar, welches derzeit in seiner Wirksamkeit bei Patienten mit
fortgeschrittener hepatischer Metastasierung in einer Marburger Pilotstudie
überprüft wird.
Radionuklidtherapie
Die
gezielt gegen den Tumor gerichtete Radiotherapie stellt einen attraktiven
neueren Therapieansatz in der systemischen Therapie neuroendokriner Tumoren
dar. Möglich wird eine solche Therapie durch die Kopplung von
strahlenemittierenden Radionukliden an Somatostatin-Analoga wie z.B.
90-Yttrium-DOTATOC oder auch 117-Lutetium-markierte Somatostatin-Analoga.
Voraussetzung der Therapie ist ein guter Besatz der Tumorzellen mit
Somatostatinrezeptoren, welches szintigraphisch überprüft wird. Nach
intravenöser Gabe des Radionuklids erfolgt die Rezeptor- vermittelte Aufnahme
in die Tumorzelle, die dadurch direkt geschädigt wird. Dies kann lokal zu
Tumorverkleinerungen und zur Symptomkontrolle bei funktionell aktiven Tumoren
führen.
Als
Nebenwirkungen können Blutbildveränderungen und ein Anstieg der
Nierenretentionswerte auftreten.
Neue medikamentöse
Therapieansätze
Antiangiogenetische
Therapieansätze erscheinen bei den meist gut vaskularisierten neuroendokrinen
Tumoren attraktiv. Erste Daten liegen zu Bevacizumab, einem neutralisierenden
Antikörper des Wachstumsfaktors VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) vor,
der in einer kleinen Studie einer Gabe von niedrig dosiertem pegyliertem
Interferon bezüglich des progressionsfreien Überlebens überlegen war.
Auch
der mTor Inhibitor Rad001 , weist ebenso wie Thallidomid unter anderem einen
antiangiogenetischen Effekt auf und wird derzeit in Studien (s.u.) bezüglich
seiner Wirksamkeit bei neuroendokrinen Pankreastumoren überprüft.
Erste
positive Daten liegen auch für den ebenfalls antiagiogenetisch wirksamen Tyrosinkinaseinhibitor Sunitinib vor.
Der
Stellenwert dieser neuen Medikamente als Monotherapie oder in
Kombinationstherapien sollte in größeren Therapiestudien etabliert werden.
Außerhalb von Studien kann die Anwendung bislang nicht empfohlen werden.
Neuroendokrine Tumoren - Aktuelle Studien
PROMID
Wie
oben ausgeführt besteht aufgrund der vorliegenden Datenlage nach wie vor keine
Klarheit darüber, ob eine Therapie mit langwirksamen Somatostatin-Analoga in
der Lage ist, das Tumorwachstum bei Patienten mit metastasierten
neuroendokrinen Tumoren zu hemmen. Aus diesem Grund soll mithilfe der
"Placebokontrollierten prospektiven randomisierten Studie zur
antiproliferativen Wirksamkeit von Octreotid bei Patienten mit metastasierten
neuroendokrinen Tumoren des Midgut (PROMID)" die wachstumshemmende Potenz
von Octreotid in einer Depot-Präparation (Sandostatin-LAR®, 30 mg) bei
Patienten mit metastasierten neuroendokrinen Midgut-Tumoren gegenüber Placebo
geprüft werden. Für weitere Informationen siehe bitte Kurzprotokoll
und Patienteninformation.
ENET-Studie
Mit
dieser ENET-foregut-Studie, die den Titel "Prospective Randomized Open
Multicenter Trial: Comparison of Biotherapy versus Chemotherapy in Malignant
Nonfunctional Neuroendocrine Tumors of the Pancreas and Bronchial Tract"
trägt, soll in der Primärtherapie von progredienten neuroendokrinen Tumoren des
Bronchialsystems oder des Pankreas die Wirksamkeit von Depot-Octreotid
(Sandostatin-LAR®) mit der Chemotherapie Streptozotozin und 5-Fluorouracil
randomisiert verglichen werden. Sie wird unter der Leitung von Prof. Wiedenmann
Charite Berlin durchgeführt.
Rad001-Studie
Internationale Multicenterstudie (Sponsor Novartis
Pharma GmbH) bei der der sog. mTOR –Inhibitor Rad001 (Everolimus) bei Patienten
mit metastasierten neuroendokrinen Pankreastumoren, die während oder nach einer
systemischen Chemotherapie einen Progress erlitten, bezüglich seiner
antiproliferativen Effektivität evaluiert werden soll (Studientitel: Eine
offene , stratifizierte, einarmige Phase II- Studie mit Rad001 bei Patienten
mit gut-differenzierten, fortgeschrittenen neuroendokrinen Tumoren des Pankreas
nach Versagen einer cytotoxischen Chemotherapie“).
Studienzentrale
Neuroendokrine Tumoren
Klinik
für Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechsel
Universitätsklinikum
Giessen und Marburg GmbH,
Baldingerstraße,
35033 Marburg
Tel.: 06421-28 65968
Fax: 06421-28 68922
Email: Studsek@med.uni-marburg.de
Leiter:
Prof. Dr. Thomas Mathias Gress
Tel.: 06421-28 66460
Fax: 06421-28 68922
Ärztliche Mitarbeiter:
Dr. A. Rinke
Dr. C. Mayer
Dr. A.König
Dr. H.Fensterer
Terminvereinbarungen
für ambulante Vorstellungen:
·
Privatambulanz Prof.
Gress: Sekretariat 06421-28 66460
·
NET-Ambulanz:
Immer mittwochs vormittags in der internistischen Poliklinik . Terminvereinbarung unter 06421/2862800